Es ist nun wieder einmal soweit. Die schriftliche Matura ist an unserer Schule voll im Gange.
Es wird zur Zeit auch viel über den Ablauf der Matura diskutiert. Soll es auch bei uns so wie schon in vielen anderen Ländern eine zentrale Matura geben? Ein Vorteil wäre bestimmt, dass die Vergleichbarkeit gegeben wäre, die in unserem System wohl nur bedingt vorhanden ist. Eine Matura in einer anderen Schule mag weniger oder mehr aufwändig sein oder die prüfenden Professoren verlangen auch verschieden viel von den Maturanten. Ein Arbeitgeber könnte so bei einem Vorstellungsgespräch eine klare Vorstellung von den schulischen Qualitäten eines Schülers erlangen. Wobei hier aber gesagt werden muss, dass ein Schüler mit einem schlechten Maturazeugnis noch lange nicht in einem Job schlecht sein muss. Wenn die Materie in der ein Schulabgänger arbeitet seinen Interessen entspricht, dann gehen viele dieser durchschnittlichen Schüler auf und werden zu unverzichtbaren Mitarbeiter einer Firma.
Was ich noch gegen eine zentrale Matura sagen will, ist dass dem unterrichtenden Lehrer viel an Freiraum genommen wird. Man wird bemüht sein, dass die Schüler auf einzelne Beispiele vorbereitet werden und dies so intensiv betreibt, dass auf viele andere wundervolle Aspekte des Gegenstandes nicht eingegangen werden kann.
Jeder Lehrer sollte im Stande sein, seine Schüler so zu bewerten, dass er sie mit gutem Gewissen aus der Schule mit der erfolgreich absolvierten Matura entlassen kann.
Die starke Tendenz zu Standardtestungen hin aber zeigt wohl den Weg in die Zukunft, nämlich dass die zentrale Matura wohl früher oder später kommen wird ...
Die Zeit scheint wieder einmal gekommen zu sein, um über unser Schulsystem zu diskutieren und darüber Bücher zu schreiben. So hat sich Andreas Salcher aufgemacht und brachte in den letzten Wochen sein Werk: "Der talentierte Schüler und seine Feinde" heraus. In diesem Buch wird oft sehr überspitzt formuliert, was in unseren Schulen falsch läuft.
Das Allheilmittel für ein gutes Schulsystem ist wohl noch nicht gefunden (auch nicht in Finnland) und wird es vielleicht auch nie werden. Aber eines sollte uns Lehrern immer wieder klar sein und vor die Augen geführt werden: dass nämlich eine gute Schule von guten Lehrern lebt, die mit ihren Ideen und dem positiven Umgang mit den Schülern die Schule zu einem Ort des freudigen Lernens machen.
Dies ist eine große Herausforderung für uns Lehrer, und zwar in jeder Minute jeder Unterrichtsstunde!
Das System mag verändert werden, aber entscheidend ist immer der Lehrer im Klassenzimmer. Nur muss das System darauf acht geben, dass es die Lehrer nicht vergrämt und diese somit unmotiviert werden oder in andere Berufe abwandern.
Ein Zitat aus dem Buch von Andreas Salcher:
"Die ausnehmend guten Lehrer zeigen uns die Schönheit in der Grammmatik. Sie nehmen uns auf Zeitreisen mit. Sie lassen uns die Musik in Bildern hören und schärfen unseren Blick für die unnachahmliche Eleganz guter Gesetze. Sie geben den Zahlen Farben und der Physik Poesie. Sie lassen Quanten springen und Hebel wirken. Sie machen uns empfindsam für den süßen Schmerz der Prüfung und sensibel für ernsthafte Ermutigung und angemessenes Lob. Sie machen uns vertraut mit der Liebe, die im Tadel liegt, und der Würde, die eine verdiente Auszeichnung adelt. Sie verlangen Antworten, um uns nach Fragen süchtig zu machen. Sie zeigen uns Zipfel der Wirklichkeit und der Fantasie, um die Sehnsucht nach Mehr zu wecken. Sie öffnen die Fenster und die Türen unseres Lebens für die Welt. ..."
Oft muss man sich als Mathematiker der Frage der Schüler stellen, wofür man das ganze höhere "Ein Mal Eins" der Mathematik denn brauche?
Es ist für Schüler oft schwer einzusehen, dass der Hintergrund von vielen Prozessen auf die Sprache der Naturwissenschaften, der Mathematik, baut. Sei es die Beschreibung von Vorgängen, Berechnung von Wahrscheinlichkeiten oder die Beschreibung von geometrischen Figuren ... ohne die Mathematik sind diese Vorhaben in korrekter und kurzer Weise nicht möglich.
"Die Mathematik begegnet uns nie" ... wird einem oft gesagt. Darauf kann man nur antworten, dass man in einem Wald den einzelnen Baum nicht mehr erkennen kann. Wenn ein Mathematiker sich die Welt anschaut, dann wird es für ihn nichts geben, wo er keinen Bezugspunkt zu dieser Wissenschaft finden kann.
Die Mathematik ist überall, wo es etwas zu beschreiben gilt. Nur hält sie sich für manche gut verborgen.
Das sollte aber keine Ausrede für viele mitten im Wald stehende Leute sein, dass man keinen Baum sieht.